Standardkennwerte sind nicht immer ausreichend!

In vielen industriellen Anwendungen kommen polymerbasierte Rollen zum Einsatz – etwa in Förderanlagen, Druckmaschinen oder als Lagerkomponenten. Doch während POM (Polyoxymethylen) und PEEK (Polyetheretherketon) auf den ersten Blick ähnliche mechanische Eigenschaften aufweisen, zeigen sie unter realen Belastungsbedingungen grundlegend unterschiedliche Verformungsmechanismen. Diese Unterschiede zu verstehen, ist entscheidend für die Materialauswahl und die langfristige Funktionsfähigkeit von Bauteilen.

Globales Verformungsverhalten: Viskoelastizität vs. komplexe Mechanismen

POM und PEEK unterscheiden sich bereits in ihrem grundlegenden mechanischen Verhalten. Beide Werkstoffe verformen sich unter konstanter Last zeitabhängig – ein Phänomen, das als Kriechen oder viskoelastisches Verhalten bekannt ist. Doch während sich das Verhalten von POM gut durch viskoelastische Materialmodelle (z. B. Prony-Serien) beschreiben lässt, zeigt PEEK ein weitaus komplexeres Verhalten, das sich nicht vollständig mit klassischen Ansätzen abbilden lässt.

Untersuchungen an polymeren Rollen unter statischer und dynamischer Last zeigen, dass POM nach längerer Belastung eine gleichmäßige Kriechverformung („Flattening“) aufweist. Diese Verformung ist reversibel und lässt sich durch viskoelastische Materialgesetze gut modellieren. PEEK hingegen zeigt eine deutlich unterschiedliche Reaktion: Hier kommt es zu lokal begrenzten, aber extrem hohen Verformungen, die nicht vollständig reversibel sind. Diese Unterschiede wirken sich direkt auf die Laufruhe und die Lebensdauer der Rollen aus.

Lokale Verformung: Wo die Unterschiede sichtbar werden

Mithilfe der Digital Image Correlation (DIC)-Technik wurde das lokale Verformungsverhalten der Rollen sichtbar gemacht. Während POM eine relativ gleichmäßige Spannungsverteilung zeigt – ähnlich wie bei elastischen Materialien – konzentrieren sich bei PEEK die höchsten Verformungen auf eine schmale Zone direkt an der Kontaktfläche. Die Verformung ist hier bis zu doppelt so hoch wie bei POM.

Besonders auffällig ist das Verhalten während des Rollens:

  • POM zeigt eine allmähliche Erholung nach Entlastung, was auf einen hohen reversiblen Verformungsanteil hindeutet.
  • PEEK hingegen weist eine signifikante irreversible Verformung auf, die sich auch nach Entlastung nicht vollständig zurückbildet. Die lokalen Verformungsspitzen bleiben bestehen und führen zu dauerhaften Formänderungen.

Diese lokalen Effekte haben direkte Auswirkungen auf die globale Performance der Rollen. Während POM-Rollen nach längerer Belastung zwar flacher werden, aber ihre Rundheit behalten, neigen PEEK-Rollen zu lokalen Abflachungen und Ovalitäten, die die Laufruhe beeinträchtigen.

Mises Verteilung bei 73 N/mm vertikaler Belastung von POM-Rollen bei (A) statischer Last über 68 h und (B) darauffolgendem horizontalem Rollen
Mises Verteilung bei 73 N/mm² vertikaler Belastung von POM-Rollen bei (A) statischer Last über 68 h und (B) darauffolgendem horizontalem Rollen
Mises Verteilung bei 73 N/mm vertikaler Belastung von PEEK-Rollen bei (A) statischer Last über 68 h und (B) darauffolgendem horizontalem Rollen
Mises Verteilung bei 73 N/mm vertikaler Belastung von PEEK-Rollen bei (A) statischer Last über 68 h und (B) darauffolgendem horizontalem Rollen

Was bedeutet das für die Praxis?

Die Wahl zwischen POM und PEEK sollte nicht nur auf Basis von Zugfestigkeit oder Steifigkeit erfolgen, sondern auch die Verformungscharakteristik im realen Einsatz berücksichtigen:

POM eignet sich besonders für Anwendungen mit:

  • moderaten Belastungen und kontinuierlichem Betrieb
  • Anforderungen an reversible Verformung und gute Laufruhe
  • Anwendungen, bei denen eine gewisse Kriechneigung akzeptabel ist

PEEK ist die bessere Wahl, wenn:

  • hohe lokale Belastungen auftreten und lokale Verformungen kontrolliert werden müssen
  • langfristige Formstabilität entscheidend ist
  • extrem hohe Steifigkeit und Festigkeit erforderlich sind – allerdings mit der Einschränkung, dass irreversible Verformungen möglich sind

Für Konstrukteure und Entwickler bedeutet dies: Ein detailliertes Verständnis des lokalen Verformungsverhaltens ist unerlässlich, um die richtigen Materialien auszuwählen und Bauteile entsprechend auszulegen. Simulationsmodelle, die nur globale Effekte berücksichtigen, können zu falschen Vorhersagen führen – besonders bei PEEK.

Fazit: Materialauswahl mit Weitblick

POM und PEEK haben ihre Stärken, aber auch ihre spezifischen Schwächen. Während POM ein vorhersehbares, reversibles Kriechverhalten zeigt, ist PEEK zwar fester und steifer, aber anfällig für lokale, irreversible Verformungen. Die Entscheidung für den einen oder anderen Werkstoff sollte daher immer unter Berücksichtigung der konkreten Belastungssituation und der Anforderungen an Formstabilität und Laufruhe getroffen werden.

Wer polymerbasierte Rollen oder ähnliche Bauteile einsetzt, tut gut daran, nicht nur auf die mechanischen Kennwerte zu schauen, sondern auch das Verformungsverhalten unter realen Bedingungen zu bewerten – lokal wie global.

 

Was denken Sie? Haben Sie Erfahrungen mit verformten Kunststoffrollen und wie sind Sie mit diesem Problem umgegangen?

Diskutieren wir darüber!

 

Hier geht’s direkt zu den Studien: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.1475-1305.2011.00816.x & https://link.springer.com/article/10.1007/s10999-010-9111-9 

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